Der Storch mit der goldenen Feder

Ein Romamärchen aus Siebenbürgen

Es war einmal ein armer Fischer, der lag seit Jahren krank im Bett und konnte seine Glieder nicht rühren. Er wäre vor Hunger gestorben, wenn er nicht eine Tochter, ein schönes junges Mädchen, gehabt hätte, die schon zeitig in der Frühe hinaus zum Fluss ging, der vor ihrer Hütte vorbeifloss und dort Fische fing, die sie in der Stadt verkaufte. Einmal kam ein Storch herangeflogen und setzte sich auf die Hütte des Fischers. Tagelang saß er oben auf dem Dach und sah dem Fischermädchen zu, wie es Fische fing. Wenn die Maid das Netz, mit Fischen schwer beladen, aus dem Wasser zog, da klapperte er ganz lustig mit dem Schnabel und flog zur Maid hinab, die ihm einige Fische zuwarf.
Der Sommer verging und der Herbst nahte seinem Ende. Die Störche und Schwalben flogen fort in ein fremdes Land, wo ewiger Sommer ist, nur der Storch blieb auf der Fischerhütte zurück und sah ruhig seine Kameraden in großen Zügen fortfliegen. Als die Maid einmal wieder sehr viele Fische aus dem Wasser zog, näherte sich ihr der Storch und sprach, was er früher nie getan hatte, wie ein Mensch also: »Ich bleibe auch den Winter über bei dir, wenn du mir jeden Tag einen Fisch oder ein kleines Stückchen Fleisch gibst und mich in eurer Hütte wohnen lässt.«
Die Maid erwiderte darauf: »Ich habe mich so sehr an dich gewöhnt, dass es mir von Herzen leid täte, wenn du fortziehen solltest. Komm nur in die Hütte hinein und ich will gerne alles mit dir teilen, was ich habe. « Da klapperte der Storch einige Male mit dem Schnabel und sagte: »Du bist ein braves Mädchen und verdienst glücklich zu werden! «
Von nun an wohnte der Storch in der Hütte und bekam täglich mehr als genug Fische und Fleisch zu essen. In der Frühe ging er mit dem Mädchen zum Fluss hinaus und sah ihr beim Fischfang zu, abends aber, wenn sich das Mädchen zu ihrem kranken Vater setzte, stand er auf einem Beine vor dem Krankenbett und hörte das Gespräch mit an. So verging die Zeit und Weihnachten näherte sich. Der Schnee lag hoch auf der Erde und Eis bedeckte den Fluss. Da sah es recht traurig in der Fischerhütte aus. Die Fische krochen sich tief in die Löcher hinein und die Maid kam gewöhnlich leer nach Hause.
An einem Abend saßen sie wieder alle beisammen und klagten ihr Leid. Da sprach der Storch: »Ihr seid recht brave und gute Leute! Ich will euch darum meine Geschichte erzählen und euch einen Rat geben, wie ihr euch in der Not helfen sollt. Nun also höret: Weit von hier in einem Lande, wo ewiger Sommer ist, lebte vor tausend und mehr Jahren in einem großen Walde ein gar frommer Mann, der den ganzen Tag hindurch betete und ein großes Feuer schürte, das er nie ausgehen ließ. Jedes Jahr kamen einmal die Leute aus der Umgegend zum frommen Mann in den Wald, brachten ihm Lebensmittel und nahmen sich dafür ein paar Kohlen aus dem Feuer. Ich wohnte in der Nähe des Feuers an einem großen See und wenn ich nicht Fische fing, so stellte ich mich neben dem frommen Mann auf und sah dem Brennen des Feuers zu. Der fromme Mann fand an mir Gefallen und nahm mich zu sich in seine Hütte. Ich lebte bei ihm viele, viele Jahre hindurch, da sagte er einmal: >Du warst schon so lange Zeit bei mir, dass ich dich nun auch belohnen muss. Du wirst sehr bald sterben, aber das will ich nicht. Du sollst noch viele tausend Jahre lang leben und gute, fromme Menschen glücklich machen. Ich werde dich schlachten und ins Feuer werfen. Wenn dich das Feuer zu Asche verbrannt hat, so wirst du wieder ins Leben zurückkehren und unter deinem linken Flügel eine goldene Feder finden, die stets nachwachsen wird, so oft man sie dir ausreißt. Diese Feder aber lasse dir nur von guten, frommen Menschen ausreißen, die es verdienen, dass sie dadurch glücklich werden, denn alle Steine, die man mit dieser Feder berührt, verwandeln sich in lauteres Gold. < Darauf schlachtete er mich und warf mich ins Feuer. Als ich aus dem Feuer wieder lebend emporflog, da suchte ich vergebens den frommen Mann. Er war verschwunden und ich sah ihn nimmer wieder. Ich flog in die Welt hinaus und bin nun bei euch, um durch die goldene Feder auch euch glücklich zu machen. Du bist ein gutes, braves Mädchen, du sollst mir die goldene Feder unter meinem linken Flügel ausreißen und reich und glücklich werden. «
Darauf hob er seinen linken Flügel in die Höhe und die Maid riss ihm die goldene Feder heraus. Sie zeigte sie erfreut ihrem kranken Vater und während sie dieselbe von allen Seiten betrachtete verschwand der Storch und ward von ihnen nimmer gesehen. Vater und Tochter gewannen nun durch die Feder so viel Gold, dass sie gar bald die reichsten Leute im Lande wurden. Der alte Fischer ließ Ärzte zu sich kommen, die ihn gar bald wieder gesund machten und seine Tochter heiratete ein armer Jüngling, den sie schon früher liebte und der sie ebenfalls von Herzen gern hatte.

Und nun ihr Menschen Groß und Klein,
Hier ist des Märchens Ende!
Mir möcht' es recht willkommen sein,
Wenn ich solch' eine Feder fände!