Das Liebespaar
Märchen aus Mazedonien
Ein König hatte eine Tochter, die hatte sich in einen gemeinen Soldaten so sehr verschaut, dass sie immer nur an ihn dachte und ihn zum Gemahl haben wollte. Als ihr Vater, der König, davon hörte, schickte er den Soldaten weit weg in ein anderes Reich. Das Mädchen aber wurde vor schwerem Gram und Leid sehr krank und starb. Der König ließ sie in einer Kirche begraben und stellte jede Nacht einen Soldaten in der Kirche als Wache auf; denn er glaubte, das Mädchen dürfte doch wieder zu sich kommen. Und wirklich stand sie jede Nacht auf, aß den Soldaten, der sie bewachte, auf, und man fand in der Frühe von ihm nichts mehr als seine benagten Gebeine. So trieb sie's so lange, bis sie schon ein ganzes Regiment Soldaten aufgegessen hatte. Das tat dem König gar leid, und er ließ den Gemeinen vor sich kommen, in den sich das Mädchen verschaut hatte, und sagte zu ihm: »Du trägst die Schuld daran, dass meine Tochter gestorben ist; geh du jetzt Wache halten, vielleicht gelingt es dir, sie zu erlösen oder wenigstens zu beruhigen. « Abends begab sich der Soldat in die Kirche, und der Mesner öffnete ihm die Tür und schloss sie wieder hinter ihm zu; doch Gott ließ die Tür aufgehen. Der Soldat trat hinaus und traf einen Bettler vor der Kirche. Dieser Bettler war aber niemand anderer als Gott selbst, der fragte ihn: »Was machst denn du da? « Der Soldat erzählte ihm, wie er dazu gekommen, und der Bettler riet ihm: »Geh du wieder hinein und versteck' dich hinter dem Altar, sie wird dich überall suchen, aber nicht finden können. « Der Soldat dankte dem Bettler, begab sich wieder in die Kirche hinein und versteckte sich hinter dem Hochaltar. Als es zwölf schlug, sah der Soldat, wie sich das Grab öffnete und das Mädchen herausstieg. Sie suchte in der ganzen Kirche nach ihm, doch konnte sie ihn nicht finden, da schlug es ein Uhr und sie sagte: »Jetzt weiß ich schon, wo du bist, doch meine Stunde ist vorüber«, und sie benagte die alten Knochen, die noch in der Kirche lagen und legte sich dann wieder zurück ins Grab. In der Frühe kam der Mesner die Tür aufsperren und wunderte sich nicht wenig, als er den Soldaten noch lebend antraf. In der zweiten Nacht musste er auf Befehl des Königs wieder Wache halten, und wieder ging die versperrte Kirchentür von selbst auf. Der Soldat trat hinaus und traf den Bettler, der ihm jetzt riet, sich diesmal oben in der Orgel zu verstecken. Der Soldat dankte ihm für den Rat, ging zurück in die Kirche und versteckte sich in der Orgel. Als die zwölfte Stunde schlug, öffnete sich das Grab, das Mädchen entstieg und ging sogleich hinter den Hochaltar nachsehen; dann durchsuchte sie die ganze Kirche, und eben, als sie zur Orgel wollte, schlug es eins, und sie sagte: »Ich weiß schon wo du steckst, doch meine Stunde ist um.« Sie nagte sich noch an den herumliegenden Gebeinen satt und legte sich zurück in ihr Grab. Am Morgen kam der Mesner und führte sogleich den Soldaten vor den König. Der König meinte: »Bist du zwei Nächte hindurch leben geblieben, so wirst du es auch eine dritte noch«, und befahl dem Soldaten noch einmal Wache zu halten. Wieder öffnete sich abends die Kirchentür, der Soldat ging hinaus und traf den Bettler. Dieser riet ihm, er solle heute aufpassen, und sobald das Mädchen aus dem Grabe steige, sich an ihre Stelle legen und sich um keinen Preis fortrühren, mag geschehen was da will. Der Soldat befolgte den Rat des Bettlers. Kaum war das Mädchen aus dem Grab, legte sich der Soldat an ihre Stelle. Nachdem ihre Stunde um war, wollte sie sich wieder ins Grab legen, fand es aber durch den Soldaten besetzt. Sie fing nun an ihn zu beschwören, er möge sie wieder ihren Platz einnehmen lassen, doch er schwieg still und rührte sich nicht. Als nun die Uhr schlug, ertönte die ganze Kirche; plötzlich erschien vor ihnen der Bettler und redete sie an: »Ihr habt euch so innig geliebt, dass du aus Liebes Harm gestorben bist, deshalb bestimme ich, ihr sollt von nun an zusammenleben, bis ihr euch selbst den Tod herbeiwünscht.«
Hierauf glättete der Bettler dem Mädchen das Haar, nahm ihr das unförmliche Aussehen, so dass sie ihre ehemalige Schönheit wieder erhielt. Als der Mesner in der Frühe die Kirche aufsperrte, erschrak er nicht wenig, als er das Paar zusammen sah; schnell eilte er mit dieser Nachricht zum König, der sogleich eine Kutsche schickte und sie abholen ließ. Hierauf wurde das Paar getraut, und es gab da große Festlichkeiten und Lustbarkeiten im ganzen Reich.