Das Märchen vom Soldaten der die Prinzessin erlöste
Russisches Märchen
Es war einmal ein Soldat, der wurde nach den fernen Grenzen seines Landes geschickt. Dort diente er die festgesetzte Zeit, dann erhielt er seinen Abschied und machte sich auf den Weg in die Heimat. Er wanderte durch viele Länder, durch die verschiedensten Reiche und kam auch einmal in eine Hauptstadt. Bei einer alten Frau nahm er Quartier und fing an, sie auszufragen: «Wie steht es in euerm Reich, Großmütterchen, ist alles gesund?» - «Ach nein, Soldat! Unser Zar hat eine wunderschöne Tochter, Prinzessin Marfa, um die warb ein fremder Prinz, und als sie ihn nicht wollte, legte er einen bösen Geist in sie. Nun ist sie schon das dritte Jahr krank, in der Nacht lässt ihr der böse Geist keine Ruhe, die Ärmste schlägt sich und schreit, bis sie bewusstlos wird ... Was hat der Zar nicht alles schon unternommen? Zauberer und Magier hat er herbeigerufen, doch keiner konnte sie erlösen!» Als der Soldat das hörte, dachte er bei sich selber: «Wohlan, ich will mein Glück versuchen, vielleicht kann ich die Prinzessin erlösen, und der Zar gibt mir eine Belohnung auf den Weg.» Er nahm seinen Soldatenmantel, reinigte die Knöpfe mit Kreide, 20g ihn an - und marsch, in den Palast! Beim Eingang erblickte ihn eine kaiserliche Dienerin, und als sie erfahren hatte, weshalb er gekommen war, nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn zum Zaren. « Grüß dich Gott, Soldat, was hast du mir Gutes zu berichten?» - «Ich wünsche eurer kaiserlichen Majestät ein langes Leben! Ich habe gehört, dass eure Tochter krank ist und will sie heilen.» - «Gut, Bruder, wenn du sie heilen kannst, dann will ich dich vom Kopf bis zu den Füßen mit Gold überschütten.» -«Eure Majestät befehle, dass man alles herbeischaffe, was ich verlangen werde!» - «So sprich, was hast du nötig?» - «Wohlan, gebt mir ein Maß eiserne Kugeln, ein Maß griechische Nüsse, ein Pfund Kerzen und zwei Kartenspiele. Macht ferner eine eiserne Rute bereit, eine eiserne Harke mit fünf Zähnen und endlich eine eiserne Puppe, die soll so groß sein wie ein Mensch!» - «Nun gut, morgen wird alles bereit sein.» Alsbald wurde das Verlangte gerüstet, und der Soldat verschloss alle Türen und Fenster im Palast und machte das rechtgläubige Kreuzzeichen darauf. Nur eine einzige Türe ließ er offen und stellte sich daneben auf die Wache. Das Zimmer aber erleuchtete er mit den Kerzen, legte die Kartenspiele auf den Tisch und verteilte die eisernen Kugeln und die griechischen Nüsse in seine Taschen. Dann wartete er. Schlags Mitternacht flog der böse Geist herbei, doch wohin er sich auch immer wandte, nirgends konnte er eindringen. Er flog und flog um den ganzen Palast und gewahrte endlich die offene Türe. Schnell verwandelte er sich in einen Menschen und wollte eintreten. «Wer kommt da?» rief der Soldat. «Lass mich ein, Soldat, ich bin ein Lakai!» - «Wo hast du dich denn aber bis zu dieser Stunde umhergetrieben, du chaldäische Fratze? » -«Nun, wo ich gewesen bin, da bin ich jetzt nicht mehr! Gib mir eine Nuss zum Knacken!» - «Es sind hier so viele von euch Chaldäern, wenn ich jedem eine Nuss geben müsste, so bliebe für mich nichts mehr übrig.» -«Gib mir doch nur eine einzige, ich bitte dich!» - «Meinetwegen, da nimm!» und der Soldat reichte ihm eine Kugel. Der Teufel nahm die Kugel ins Maul und presste die Zähne zusammen und zerquetschte sie zu einem Fladen, aber er konnte sie nicht aufbeißen. Während er sich mit der eisernen Kugel abmühte, knackte der Soldat fast zwanzig Nüsse auf und aß sie. «Ach, Kamerad», sprach der Teufel, «du hast aber starke Zähne!» - «Ja, ich sehe, dass du es schlecht kannst», sagte der Soldat. «Wahrhaftig, ich habe dem Zaren zwanzig Jahre lang gedient und mir an dem harten Zwieback die Zähne stumpf gebissen, du kannst dir vorstellen, was ich erst in meinen jungen Jahren für ein Kerl gewesen bin!» - «Auf, Soldat, lass uns Karten spielen!» - «Worum wollen wir spielen?» - «Das ist doch klar, um Geld!» - «Ach, du gräuliche Fratze, wie sollte denn ein Soldat Geld haben? Er bekommt als Sold im Ganzen drei halbe Kopeken im Tag, und dafür muss er Seife, Stiefelwichse, Kreide und Kleister kaufen und erst noch ins Bad gehen. Wollen wir nicht lieber um Klapse spielen?» -«Meinetwegen!» Damit begannen sie zu spielen, und der Teufel gewann dem Soldaten drei Klapse ab. «Warte», sprach er, «ich will sie dir geben.» -«Fahr nur weiter, bis du zehn gewonnen hast, wegen drei Spickern lohnt es sich nicht, die Hand zu beschmieren!» - «Gut denn!» Wieder spielten sie, und dieses Mal hatte der Soldat alle Trümpfe und gewann dem Verdammten zehn Klapse ab. «He da!» sprach er, «ich will dir zeigen, wie man mit seinem Bruder um Klapse spielt, und sie dir nach Soldatenart verabfolgen. Du wirst es weder Freund noch Feind an wünschen!» ... Da begann der Teufel zu bitten und zu flehen, dass der Soldat ihn doch nicht so schwer schlage. «Ihr Verfluchten seid doch alle gleich, ihr wollt immer nur anfangen; wenn aber die Abrechnung kommt, dann ist es aus mit der Courage. Es ist mir auch gar nicht möglich, dich zu schonen, ich bin Soldat und habe den Eid abgelegt, immer nach Recht und Wahrheit zu verfahren!» - «So nimm doch Geld, Soldat!» - «Was soll mir dein Geld? Ich habe um Klapse gespielt, so halte nun auch her - es sei denn, dass du zu meinem Jüngern Bruder willst, der auch hier ist, viel-leicht gibt der dir schwächere Klapse. Willst du aber nicht, so werde ich sie dir auf der Stelle austeilen.» -«Nein, Soldat, führe mich lieber zu deinem Jüngern Bruder!» Da führte der Soldat den Bösen zu der eisernen Puppe, drückte auf die Feder, und als die Puppe dem Teufel einen Klaps auf die Stirne gab, flog er bis an die gegenüberliegende Wand. Der Soldat aber fasste ihn an der Hand: «Halt, du hast noch neun Klapse zu gut!» Zum zweiten Mal drückte er auf die Feder, und die Puppe wischte dem Teufel eins aus, dass er wie ein Kreisel herum surrte und beinahe die Mauer zertrümmerte. Beim dritten Mal aber schlug es den Bösen geradewegs durchs Fenster, er zerbrach den Rahmen, gab Fersengeld und galoppierte davon. « Denk daran, du Verdammter», schrie ihm der Soldat nach, «du hast noch immer sieben Ohrfeigen zugut!» Der Teufel aber suchte das Weite und rannte so, dass seine Absätze den Hintern berührten. Am Morgen fragte der Zar Prinzessin Marfa: «Nun, wie steht es, meine Tochter, hast du die Nacht ruhig verbracht?» - «Ruhig, Herr Vater!»
In der folgenden Nacht schickte der Satan einen andern Teufel, denn sie kamen immer der Reihe nach, um die Prinzessin zu erschrecken und zu quälen. Auch dieser musste daran glauben. Während dreizehn Nächten hatte der Soldat dreizehn Teufel zum Prügeln, und allen ging es gleich schlimm! Keiner wollte ein zweites Mal kommen. «Wohlan, ihr Enkelchen», sprach zu ihnen Gro߬väterchen Satan, «jetzt werde ich selber gehen!» Und der Satan ging in den Palast, unterhielt sich mit dem Soldaten und spielte Karten mit ihm. Auch dieses Mal gewann der Soldat und führte den Satan zu seinem Jüngern Bruder, damit er ihn mit Klapsen traktiere. Er drückte auf die Feder, und der jüngere Bruder umfasste den Satan mit seinem eisernen Arm so fest, dass er sich weder vorwärts noch rückwärts bewegen konnte. Da nahm der Soldat die eiserne Rute und begann ihn zu peitschen. Er schlug ihn immer fort und sprach dazu: «Hier hast du für das Kartenspielen! Hier hast du dafür, dass du Prinzessin Marfa gequält hast!» Und er schlug ihn mit der eisernen Rute und begann ihn auch noch mit der Harke zu striegeln. Der Satan brüllte aus Leibeskräften, aber der Soldat drosch unbekümmert auf ihn los und machte ihn windelweich. Als er sich endlich losreißen konnte, raste er davon, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzusehen. Er kehrte in seinen Sumpf zurück und stöhnte: «Ach, Enkelchen, der Soldat hat mich beinahe zu Tode geprügelt!» - «Das will ich dir glauben, Großväterchen, ein verflixter Kerl ist das! Schon sind zwei Wochen vergangen, seit ich bei ihm im Palast gewesen bin, und noch immer zittert mir der Kopf! Dabei muss man noch froh sein, dass er nicht selber drauflosgeschlagen, sondern seinen Jüngern Bruder angestellt hat!» Nun überlegten die Teufel, wie sie den Soldaten aus dem Palast herauslocken könnten. Sie dachten und dachten und beschlossen endlich, es mit Geld zu versuchen. Darauf begaben sie sich alle miteinander zum Soldaten. Als der sie erblickte, erschrak er und begann mit tiefer Stimme zu rufen: «He, Bruder, komm schnell herbei, die Schuldner sind gekommen, du musst Schläge austeilen!» - «Lass nur, lass nur, Soldat! Wir sind zu dir gekommen, um über unsere Angelegenheiten zu sprechen. Nimm von uns so viel Geld, wie du willst, nur geh aus dem Palast weg!» - «Nein, was soll mir das Gold? Wenn ihr mir aber einen Dienst erweisen wollt, so kriecht alle in meinen Ranzen. Ich habe gehört, dass die teuflischen Mächte sehr schlau sind und auch durch die engste Spalte schlüpfen können. Wenn ihr also in meinen Ranzen kriecht, dann weiche ich auf Ehrenwort aus dem Palast!» Da freuten sich die Teufel: « Mach schnell, Soldat, und öffne deinen Ranzen!» Er öffnete ihn, und alle krochen hinein bis auf den letzten. Der Satan selber lag zuoberst. «Drückt euch enger aneinander», sprach der Soldat, «so dass ich über allen die Riemen zuschnallen kann.» - « Zieh nur zusammen, das soll dich nicht kümmern!» - «Gnad euch Gott, wenn ich zuschnalle, doch werdet nur nicht zornig, vergebens weiche ich nicht aus dem Palast!» Da-mit verschloss er alle Schnallen, machte das Kreuz auf den Ranzen und begab sich zum Zaren: «Eure kaiserliche Majestät, lässt dreißig eiserne Hämmer herstellen, jeder Hammer soll einen Zentner schwer sein!» Der Zar erteilte den Befehl, und man machte auf der Stelle dreißig Hämmer. Nun trug der Soldat seinen Ranzen in die Schmiede, legte ihn auf die Esse und befahl, so stark wie möglich zuzuschlagen. Das bekam den Teufeln schlecht, doch sie konnten nicht herauskriechen, und der Soldat traktierte sie nach Herzenslust. Endlich rief er: «Jetzt ist es genug!» warf sich den Ranzen über den Rücken und kehrte zum Zaren zurück: «Eure Majestät, mein Dienst bei euch ist zu Ende! Von nun an wird kein teuflischer Geist mehr die Prinzessin plagen.» Der Zar dankte ihm: «Bruder Soldat, auf, mach in allen Gast-häusern und Schenken die Runde und verlange, was dein Herz begehrt, nichts soll dir verweigert werden!» Und er gab ihm zwei Schreiber mit, die mussten überall mit ihm gehen und alles, was er zusammenzechte, auf Staats-rechnung aufschreiben. Einen vollen Monat trieb sich der Soldat in den Schenken umher und aß und trank nach Herzenslust. Dann ging er zum Zaren. «Wie steht es, Soldat, hast du genug gezecht?» - «Ja, eure Majestät, ich habe genug gezecht und will nach Hause gehen.» -«Nanu, willst du nicht bei uns bleiben? Ich mache dich zum ersten Mann in meinem Reiche.» - « Nein, Herr, ich habe Heimweh nach meinen Angehörigen.» - «So geh mit Gott!» sprach der Zar und schenkte ihm ein Fuhr-werk, Pferde und so viel Geld, wie er in seinem ganzen
Leben noch nie verdient hatte. Der Soldat reiste nach seiner Heimat. Unterwegs machte er in irgendeinem Dorfe Halt und traf dort einen Kameraden, der hatte mit ihm im gleichen Regiment gedient. «Grüß dich Gott, Bruder!» - «Grüß dich Gott, wie geht es dir?» -«Immer gleich!» - «Mir aber hat der Herr die Gnade verliehen, dass ich auf einmal reich geworden bin! Nun wollen wir aber eins auf die Freude trinken, Bruder, lauf und hole ein Eimerchen Wein!» - «Gerne würde ich schnell hineilen, doch ich habe mein Vieh noch nicht besorgt, macht es dir Mühe, selber zu gehen? Die Schenke ist nicht weit.» - «Einverstanden, nimm unterdessen meinen Ranzen und lege ihn in die Hütte. Doch verbiete den Frauen, ihn zu berühren!» Als unser Soldat dies gesagt hatte, machte er sich auf, um den Wein zu holen. Der Bauer aber trug den Ranzen in die Hütte und sprach zu den Frauen: «Rührt ihn ja nicht an!» Diese konnten sich jedoch nicht halten, und während er das Vieh besorgte, sprachen sie: «Lasst uns schnell schauen, was wohl in dem Ranzen ist!» Und sie nahmen ihn und schnallten ihn auf. - Da sprangen die Teufel mit Lärm und Getöse heraus, brachen die Tür mit dem Schürhaken auf und entflohen. Unterwegs begegnete ihnen der Soldat mit seinem Eimerchen. «He, ihr Verdammten, wer hat euch freigelassen?» Als die Teufel ihn sahen, erschraken sie so, dass sie sich alle Hals über Kopf in das Loch unter dem Mühlrad stürzten. Und dort blieben sie in alle Ewigkeit. Der Soldat aber begab sich in die Hütte, schimpfte mit den Frauen und begann flugs mit seinem alten Kameraden zu zechen. Darauf reiste er in seine Heimat und lebte dort reich und glücklich.