Drei Schwestern - Welche wird Zarin?
Märchen aus Bulgarien
Es waren drei Schwestern. Die beiden älteren stritten sich, wer die schönste sei, und schließlich fragten sie die Sonne: »Sonne, Sonne! Wer ist die Schönste von uns dreien? « »Die Jüngste«, erwiderte die Sonne. Das verdross sie, und sie fragten zum zweiten Mal und auch zum dritten Mal, aber die Sonne gab ihnen immer die gleiche Antwort.
Da beschlossen sie, die jüngste Schwester umzubringen. Sie backten einen Fladen und kochten Getreide, als wollten ihrer verstorbenen Mutter eine Gedenkfeier halten, und sagten zu der Schwester: »Komm, Schwesterchen, wir wollen das Brot für die Seele unserer Mutter verteilen. « Die Jüngste ahnte nicht, was ihre Schwestern beschlossen hatten. Sie machten sich mit ihr auf den Weg. Sie kamen an einen einsamen Ort, hielten an und sagten: »Ach, Schwesterchen, wir haben die Kerzen vergessen. Bleib du einstweilen hier, bis wir die Kerzen geholt haben« und sie blieb zurück, um auf die Schwestern zu warten. Sie wartete bis zum Abend, und es begann zu dunkeln, doch von ihren Schwestern war noch immer nichts zu sehen. Die hatten sie dort alleingelassen, in der Hoffnung, dass ein wildes Tier sie zerfleische. Es kam ein Lamm, und das Mädchen warf ihm ein Körnchen von dem gekochten Getreide zu, das für die Seele der Mutter bereitet war.
Sobald das Lamm das Körnchen aufgefressen hatte, wollte es weiterlaufen, und da dachte sie: »Bevor es ganz dunkel wird und mich ein wildes Tier zerfleischt, will ich lieber hinter dem Lamm hergehen. «
Das Lamm hatte neun Brüder. Als es nun zu Hause ankam, war ihm das Mädchen bis dorthin gefolgt, und die neun Brüder waren von der Arbeit noch nicht zurückgekehrt. Als das Mädchen sah, wie ordentlich alles im Hause war, begann es zu fegen, zu ordnen und das Abendessen für neun Brüder zu kochen, danach versteckte es sich hinter der Tür. Am Abend, als die neun Brüder heimkamen, wunderten sie sich sehr, wer ihnen wohl das Haus gefegt, geordnet und für sie das Essen gekocht haben könnte. Doch das Mädchen hinter der Tür, zeigte sich nicht, es blieb dahinter stehen und schwieg. Am nächsten Morgen sagte der älteste Bruder zu den anderen: »Derjenige, der uns das Abendessen kochte, wird es womöglich auch heute tun. Darum will ich hierbleiben und Wache halten und sehen, wer es ist. «
Den ganzen Tag hielt er Wache; wachte, bis er gegen Abend müde wurde und schließlich einschlief. Da erst kam das Mädchen aus seinem Versteck hervor und tat in aller Eile wie am vorhergehenden Tag, es brachte das Haus in Ordnung, kochte ihnen das Abendessen und versteckte sich wieder hinter der Tür.
Als der älteste Bruder erwachte, sah er, dass das Essen wieder gekocht war und dachte sich: »Was soll ich jetzt meinen Brüdern sagen? Wer mag das gewesen sein, der unser Haus ordnete und für uns kochte? «
Am Morgen darauf blieb der Zweitälteste Bruder zurück, aber auch er brachte es nicht fertig, aufzupassen. Und so versuchten es die Brüder nacheinander, aber keiner konnte achtgeben. Schließlich kam die Reihe an den jüngsten Bruder. »Wie konnten sie hier sitzen und nicht aufpassen? « dachte er. »Ich will auf der Hut sein! « Er wachte und wachte, doch keiner kam. Schließlich legte er sich hin und tat, als ob er schliefe. Das Mädchen aber glaubte, er schlafe, und kam aus seinem Versteck, um die alltägliche Arbeit zu verrichten - zu fegen, aufzuräumen und zu kochen.
Da sprang er auf, nahm sie bei der Hand und sagte: »Ach, Schwesterchen! Du also warst so gut zu uns, du sollst unsere Schwester sein! «
Als am Abend die anderen Brüder heimkehrten und sie sahen, freuten sie sich sehr und liebten sie gleich wie ihre eigene Schwester. Damit sie auch nicht alleine war, während sie zur Arbeit gingen, brachten sie ihr zwei Tauben, mit denen sie spielen konnte.
Einige Zeit darauf erfuhren die beiden Schwestern, dass die Jüngste, die sie töten wollten, noch am Leben war und es gut hatte. Da beneideten sie sie und beschlossen, sie zu vergiften. Sie schickten ein altes Weib, dass es ihr einen Kringel bringe, in den sie Gift taten. Die Alte brachte ihr den Kringel als Geschenk von den Schwestern, und sie nahm ihn. Als sie aber ein Stückchen von dem Kringel abbrach, um davon zu essen, fielen ein paar Krumen herunter, und die Tauben pickten sie auf und waren sofort tot. Da erkannte das Mädchen, dass der Kringel vergiftet war, und aß nichts davon.
Als die neun Brüder am Abend heimkamen, suchten sie die Tauben, und da erzählte das Mädchen ihnen, dass sie vergiftet waren. »Wenn die Alte wiederkommt«, sprachen sie, lass sie nicht ein, öffne nicht die Tür, damit sie dir kein Leid antut, denn du bist die einzige Schwester von neun Brüdern. « Als die Schwestern erfuhren, dass ihre Schwester noch am Leben war, schickten sie die die Alte viele Male, damit sie sie mit List vergiftete, doch das Mädchen ließ sie weder ein, noch öffnete es die Tür.
Darauf ersannen die bösen Schwestern eine andere List. Sie gaben der Alten einen Ring und Gift dazu und schickten sie zu der Schwester. Da sagte die Alte: »Wenn ich gehe, öffnet sie mir ja doch nicht die Tür. « - »Auch, wenn sie dir nicht öffnet«, sagten sie zu der Alten, »geh, klopfe an die Tür, und wenn sie das Fenster öffnet, um zu sehen, wer da klopft, dann sag ihr: Deine Schwestern sind todunglücklich, dass sie dich nicht sehen können und schicken dir diesen Ring; strecke nur deinen Finger aus, damit ich ihn dir aufstecke. Sie wird den Finger ausstrecken, und anstatt den Ring aufzustecken, schneidest du ihn ab und streust Gift auf die Wunde. Vor Schmerzen wird sie den Finger in den Mund stecken, sich vergiften und dann krepieren! «
Da ging die Alte mit dem Ring und dem Gift, tat, was die Schwestern aufgetragen hatten - vergiftete die Schwester, und die starb.
Und als die neun Brüder abends nach Hause kamen, fanden sie sie tot am Boden liegen. Da weinten sie bitterlich und fragten sich, wer ihnen dies Übel wohl zugefügt hatte. Zuletzt kleideten sie sie in ein Brautgewand und trauerten. In ihrem großen Schmerz begruben sie sie nicht wie alle Toten, sondern machten ihr einen gläsernen Sarg und legten sie da hinein. Das Haus verhängten sie mit schwarzen Tüchern. Den Sarg mit der Toten stellten sie dann auf einen hohen Baum an einen Fluss, wo die Pferde des Zaren Wasser tranken.
Als am nächsten Morgen die Pferde des Zaren an dem Fluss zur Tränke kamen, scheuten die vor dem funkelnden Sarg und der Toten darin zurück. Das wiederholte sich viele Male, bis schließlich der Zar fragte: »Wovor scheuen die Pferde zurück? « Und der Zarensohn ging selbst um nachzusehen. Als er den Sarg auf dem Baum sah, befahl er, dass man ihn herunterhole, und sobald er die Tote darin erblickte, verliebte er sich in sie, nahm den Sarg mit nach Hause und schloss ihn in eine Kammer, wo er jeden Tag einmal die Schöne betrachtete. Eines Tages musste der Zarensohn fort und trug seiner Mutter auf, niemanden in die Kammer, wo der Sarg stand, zu lassen oder sie zu öffnen. Seitdem er fortgegangen war, plagte seine Mutter die Neugier, zu sehen, was da in der Kammer verborgen war. Und eines Tages schloss sie die Kammer auf und trat ein. Als sie die Tote sah, bewunderte sie ihre Schönheit. Dann kam ihr in den Sinn, ein Tüchlein in Wein zu tauchen, und sie legte das der Toten über das Gesicht. Und wie durch ein Wunder erwachte die Tote wieder zum Leben! Da freute sich die Zarin sehr. Sie kleidete das Mädchen in kostbare Gewänder und führte es in ihr Gemach. Sobald der Zarensohn heimkehrte, ging er in die Kammer zu der Toten und geriet in Zorn, als er sie nicht fand - er begann zu schreien und zu schimpfen, dass jemand gegen seinen Willen in die Kammer gegangen sei und ihm die Tote fortgenommen habe. Da erzählte seine Mutter, wie sie in die Kammer gegangen war, die Tote betrachtet habe, wie diese wieder erwacht war und dass sie hier in diesem Gemach auf ihn warte.
Da ging er voller Freude zu ihr, und gleich darauf feierten sie eine große Hochzeit; der Zarensohn nahm sie zur Frau, und so wurde die jüngste der drei Schwestern Zarin.