Das Zauberpferdchen
Portugiesisches Märchen
Es lebten einmal ein alter König und eine Königin, die hatten einen Sohn, der Periquito hieß. Der Bursche war schon groß, und in seinem Alter wären andere längst einem Gewerbe nachgegangen, aber Periquito schien so dumm wie ein Zehnjähriger. Der König holte die besten Lehrer des Landes, aber sie konnten Periquito nur mit Mühe das kleine Einmaleins beibringen, er träumte sonst vor sich hin und merkte sich nicht, was sie ihm beibringen wollten.
Als der Vater sah, dass nichts etwas nutzte, weder Strafe noch Belohnung, da rief er die Weisen seines Landes zusammen und sagte: »Ich bin nun schon ein alter Mann; mein Sohn aber ist erwachsen und doch noch dumm und unerfahren. Ich habe Sorge, wem ich einmal mein Land übergeben soll, wenn der Tod mich holt. «
»Wir vermuten, dass wir die Ursache wissen«, sagten die Weisen, »warum der Bursche nichts lernt. «
»Nun, und was ist die Ursache? « fragte der König.
»Es muss daher kommen, dass Euer Sohn verliebt ist. Lasst einmal nachforschen! Und wenn es so ist, dann gibt es nur zweierlei: entweder ihn von seiner Geliebten zu trennen oder ihn zu verheiraten. «
Der König dankte den Weisen, und er befahl, alle Wege seines Sohnes zu überwachen. Und es dauerte flicht lange, da merkten die Diener, dass der Prinz in der Nacht immer sein Zimmer verließ und zu einem Mädchen ging, das am Rande der Stadt wohnte. Das Mädchen aber hieß Periquita, und es war das Waisenkind armer Leute und nährte sich von Nähen und Spitzenklöppeln.
Da ließ am nächsten Tag der König seinen Sohn rufen und sagte: »Periquito: es gehört sich nicht, dass du — der Erbe des Landes — hinter einem armen Mädchen herläufst. Du weißt doch, dass du das Mädchen nie heiraten kannst. «
»Aber ich liebe sie. «
»Gut. Da ich sehe, dass du von der Krankheit der Liebe befallen bist, so werde ich dir eine Medizin verschreiben lassen. « Und der König erkundigte sich abermals bei den Weisen seines Landes, und sie rieten dem König, den Prinzen doch in ein anderes Land zu schicken, wo er die Tochter eines Königs heiraten könne.
»Mit der Ehe kommt auch der Verstand! « sagten sie.
Da ließ der König seinen Sohn rufen und sagte: »Periquito, ich befehle dir, zu meinem Bruder, dem König von Indien, zu reiten. Ich werde an ihn einen Brief schreiben, und du wirst diesen Brief dort übergeben. Das weitere aber findet sich. «
In der Nacht schlich sich Periquito traurig zu seiner Liebsten und sagte: »Liebe Periquita, ich muss dich verlassen. Mein Vater schickt mich zu meinem Onkel, wohin ich einen Brief bringen soll. «
»Sei nicht traurig«, sagte Periquita, »sondern nimm hier dieses Zaumzeug, und wenn dich morgen der König fragt, was du für ein Pferd für die Reise haben willst, so geh in den Stall. Hinten im Winkel steht eine kleine Stute. Die nimm und lege ihr das Zaumzeug an. Reite getrost davon! So der Himmel es will, werden wir uns wiedersehen. «
Am nächsten Morgen ließ der König Periquito rufen und fragte ihn: »Hast du dir schon ein Pferd für die Reise ausgesucht? «
»Nein, aber ich will gleich in den Stall gehen, um mir eines auszuwählen. «
Damit nahm er sein Zaumzeug und machte sich hinunter in den Stall. Da stand wirklich hinten im letzten Winkel ein kleines, schmächtiges Pferdchen, eine Stute. Die sattelte Peri-quito und führte sie zum Stall hinaus, und sie folgte ihm willig. Als der Vater ihn mit dem Pferdchen sah, lachte er und sagte: »Periquito, du bist und bleibst ein Dummkopf. Ein Prinz reitet doch auf einem stattlichen Hengst und nicht auf einer solchen Ziege von einer Stute. Die Leute würden den Kopf schütteln! «
Aber Periquito entgegnete: »Entweder dieses oder keines! Wenn ich mir das Pferd nicht selber auswählen darf, dann bleibe ich daheim. «
Da fügte sich der König, ließ seinem Sohn Proviant und Geld geben, überreichte ihm den Brief an seinen Bruder, umarmte ihn zum Abschied und ließ ihn davonreiten.
Periquito aber ritt über viele Gebirge, durch wüste Ebenen und tiefe Wälder. Und nachdem er fast ein Jahr geritten war, kam er nach Indien. Sein Onkel, der dort König war, nahm ihn mit offenen Armen auf. Aber als er den Brief seines Bruders gelesen hatte, sagte er zu Periquito: »Bursche, dein Vater schreibt mir, ich solle dich mit meiner Tochter verheiraten. Aber dein Vater hat gut reden, denn meine Tochter wurde von einem silbernen Drachen geraubt, und wer weiß, ob sie noch am Leben ist. «
»Gut, Onkel. Ich will gern ausziehen, um dir deine Tochter wiederzubringen. Aber heiraten werde ich sie nicht, denn ich habe daheim schon ein Mädchen, das ich liebe. «
»Nun, Periquito, das findet sich. Bring mir meine Tochter, dann wollen wir darüber weiterreden. «
Am andern Tag sattelte Periquito wieder seine Stute und ritt davon. Zwar wusste er nicht, wo der Drache hauste, aber er verließ sich auf die Stute, die auch den Weg nach Indien ganz allein gefunden hatte.
Als sie sieben Tage geritten waren, begann die Stute mit einem Mal zu sprechen: »He, Periquito! « Ja, Stutchen?«
»Du willst wohl zum silbernen Drachen reiten, der die Tochter des Königs von Indien geraubt hat? «
»Du hast es erraten, Pferdchen. «
»Nun, so pass auf! Es ist nicht leicht, diese Aufgabe zu lösen. Du musst nämlich wissen, dass der Drache ein verzauberter Prinz ist. Wenn du den Drachen tötest, so stirbt auch der Prinz. Gelingt es dir aber, den Zauberer umzubringen, der den Prinzen verhext hat, so wird der Prinz frei und auch die Tochter des Königs von Indien. «
»Und wie muss ich das anstellen? «
»Lass mich nur machen, und alles wird gut werden. Aber ich helfe dir nur unter einer Bedingung. «
»Und die ist? «
»Du musst mir einen Wunsch erfüllen, gleichgültig was immer das ist. «
»Gut! Das verspreche ich dir! «
Nun trabte die Stute durch ein steiniges Gebirge, in dem weder ein Grashalm noch das kümmerlichste Bäumchen wuchs. Und nach einer gewissen Zeit kamen sie zu einer großen Mauer, über deren Zinnen man schöne, frische, grüne Palmen sah. Die Stute lief die Mauer entlang, bis sie zu einem großen Tor kamen.
»Klopf hier an«, sagte die Stute, »und sag, dass du Arbeit suchst! Dann wird dich der Zauberer aufnehmen. «
Da klopfte Periquito an das Tor. Was will man da draußen? « erscholl eine Stimme.
»Ich bin ein Bursche, der Arbeit sucht. «
Da öffnete der Zauberer das Tor einen Spalt und blickte hinaus.
»Arbeiter braucht man, aber keine Schwätzer. Kannst du ordentlich arbeiten, wirst du gut bezahlt. Verstehst du es nicht zu arbeiten, wirst du aufgefressen. «
Darauf will ich es ankommen lassen«, erwiderte Periquito.
Da ließ ihn der Zauberer hinein, gab ihm zu essen und zu trinken, und sagte: »Heute magst du noch ausruhen. Ich schätze, du kommst von weit her. Gäste gibt es hier kaum. Morgen aber sollst du arbeiten. «
Der Bursche ließ es sich gut gehen, schüttete auch seinem Pferdchen Hafer in die Krippe, und legte sich schlafen.
Am andern Morgen sagte der Zauberer: »Bursche, heute sollst du meine Herde hüten. Es sind aber sehr schnelle Tiere. Pass auf: wenn dir ein Tier entwischt, so brauchst du dir um den morgigen Tag keine Sorgen mehr zu machen. «
»Ich will schon gut aufpassen. Als Hirte habe ich Erfahrung«, sagte Periquito.
Die Herde des Zauberers aber bestand aus Gazellen. Und kaum hatte Periquito sie aus dem Gatter gelassen, da stoben sie wie der Wind in die verschiedensten Richtungen davon. Der Zauberer sah dies mit Gefallen und rieb sich die Hände: »Morgen gibt es Christenbraten! «
Periquito aber ging in den Stall, sattelte sein Pferdchen, und die Stute sauste wie der Blitz hinter der Herde her. Hatte sie eine Gazelle erreicht, so biss sie diese in das Hinterteil oder gab ihr mit dem Huf einen Tritt. Und die Gazellen merkten, dass mit diesem Pferdchen nicht zu spaßen sei. Und sie blieben brav zusammen, weideten auf einer blumigen Wiese, und am Abend ließen sie sich gehorsam heimtreiben und wieder im Gatter einschließen.
Der Zauberer aber hatte bereits den Backofen angeheizt. Er kam und zählte seine Herde, zählte sie noch einmal, ja, er zählte sie auch noch ein drittes Mal. Alle Tiere waren da! Das hatte er noch nicht erlebt,
»Ein Hirt bist du! « Sagte er. » Aber morgen sollst du als Bauer arbeiten. «
Am nächsten Tag führte er Periquito hinaus auf ein weites Feld, das war so lang, dass man gar nicht sein Ende sehen konnte.
»Hier«, sagte der Zauberer, » das ist mein Feld. Das musst du bis heute Abend umgeackert haben, sonst taugst du nichts als Arbeiter. Und wer nicht arbeiten kann, der wird hierzulande aufgefressen. «
Periquito war nicht ganz wohl in seiner Haut. Aber er holte seine Stute und spannte sie vor den Pflug. Und kaum hatte er das Pferdchen eingespannt, da rannte es im Galopp los. Es lief, ohne auch nur ein einziges Mal Atem zu holen, den ganzen Tag. Und als die Sonne unterging, da brach das arme Pferdchen müde zusammen. Aber das Feld war umgeackert. Der Zauberer kam gleich mit dem glühenden Bratspieß heraus.
»Heute werde ich Christenfleisch essen! «
Aber so sehr er sich auch die Augen rieb: das Feld war bestellt.
»Also gut: ein Bauer bist du auch! Morgen wird es sich zeigen, ob du auch als Soldat deinen Mann stellst! « Damit ging er ins Haus. Periquito aber schlich sich zu seinem Pferdchen, das ganz erschöpft am Boden lag und sich nicht mehr rühren konnte.
»Zweimal habe ich dir geholfen«, sagte die Stute, »nun bin ich mit meiner Kraft am Ende; und wenn du mir nicht auf die Füße hilfst, werden wir morgen Abend beide am Spieß brutzeln. «
»Aber was soll ich machen? «
»Geh durch die dritte Türe des Hofes, sie führt in einen Zwinger, in dem der silberne Drache haust. Habe keine Angst, sondern tritt ruhig ein und sprich zum Drachen:
Unter der Haut der Stute,
Unter der Haut des Drachen
Man anderes vermute!
Wer es weiß, darf lachen!
Dann wird dir der Drache den Weg in ein Zimmer freigeben, in dem eine Prinzessin, die Tochter des Königs von Indien wohnt. Erzähle ihr alles und bitte sie um das lebensspendende Wasser. Sie wird dir ein Fläschchen geben. Das bring her und wasche mich mit dem Wasser! «
Da ging Periquito zur dritten Tür des Hofes, öffnete sie einen Spalt und erblickte drinnen einen silbernen Drachen, der zu fauchen begann. Periquito aber sagte:
Unter der Haut der Stute,
Unter der Haut des Drachen
Man anderes vermute!
Wer es weiß, darf lachen!
Da wurde der Drache ganz zahm und sagte:
»Gut, Periquito. Geh hier hinein und hol dir das, was du brauchst! «
Periquito kam in die Kammer zu der Tochter des Königs von Indien, und erzählte ihr die ganze Geschichte. Und die Prinzessin gab ihm ein Fläschchen mit lebensspendendem Wasser. Damit kehrte Periquito zu seiner Stute zurück, und nachdem er sie von den Füßen bis zum Kopf gewaschen hatte, sprang sie auf und sagte: »Nun leg dich schlafen. Morgen werden wir kämpfen. «
Am andern Tag aber kam der Zauberer auf dem Drachen angeritten, und er hatte ein großes Schwert, das er mit beiden Händen hielt.
»So, Bursche, heute wirst du zeigen, ob du als Soldat so gut bist wie als Hirt und als Bauer! Besiegst du mich, so gehört dir dieses Schloss. Besiege ich dich, so werde ich dich heute Abend verspeisen! «
Und damit begann ein erbitterter Kampf. Das Pferdchen wich geschickt allen Schlägen des Zauberers aus, so dass er immer ins Leere schlug. Und nachdem sie fast den ganzen Tag gekämpft hatten, wurden der Drache und der Zauberer etwas langsamer. Das Pferdchen aber war so behend wie eh und je. Und als der Zauberer nicht gut aufpasste, sprang das Pferdchen vor, drehte sich blitzschnell um und schlug mit den Hinterhufen dem Zauberer das große Schwert aus der Hand. Der Zauberer bückte sich und wollte das Schwert wieder vom Boden aufheben, aber da war das Pferdchen wieder da, und Periquito schlug dem Zauberer den Kopf ab.
Im gleichen Augenblick verwandelte sich der silberne Drache in einen Prinzen, der ein schönes silbernes Gewand trug. Und der Prinz umarmte Periquito und dankte ihm, dass er ihn erlöst hatte. Dann kehrten sie zum Schloss des Zauberers zurück, um auch die Tochter des Königs von Indien zu holen.
Nun war es schon Abend, und man beschloss, am nächsten Morgen wegzureiten. Als aber am Morgen Periquito in den Stall kam, sagte die Stute zu ihm:
»Nun musst du mir, wie du es versprochen hast, einen Wunsch erfüllen. «
»Gut, und was wünschst du, dass ich tun soll? «
»Du musst dein Schwert nehmen und mir den Kopf abschlagen. «
»Nein! « sagte Periquito. » Alles kann ich tun, nur das nicht! « »Du musst! « entgegnete die Stute. » Denn du hast mir dein Wort gegeben, und was ein Königssohn verspricht, das muss er halten. «
Da umarmte Periquito unter Tränen sein Pferdchen und schlug ihm den Kopf ab. Doch im gleichen Augenblick, da der Kopf zu Boden fiel, stand ein wunderschönes Mädchen an Stelle der Stute dort: Periquita.
»Nun soll uns nichts mehr voneinander trennen«, sagte Periquito. Und der silberne Prinz und die Tochter des Königs von Indien versprachen, Periquito und Periquita zu helfen.
Als alle zusammen wieder am Hofe des Königs von Indien waren, schrieb dieser an seinen Bruder: »Periquita hat mit Hilfe deines Sohnes meine Tochter und meinen Schwiegersohn befreit und den bösen Zauberer getötet. Ich bitte dich, dass du sie mit Periquito verheiratest. «
Und was blieb dem Vater Periquitos da anderes übrig? Er war froh, dass sein Sohn gut alle Gefahren überstanden hatte, und nahm Periquita gern als Schwiegertochter an.
Das ist die Geschichte von Periquito und Periquita — und wer zaubern kann, der soll zuerst weiterreden!