Tod und Leben sind auf der Zunge

Jüdisches Märchen

Ein persischer König war sehr krank. Von Tag zu Tag magerte er ab. Es drohte ihm schon der Tod. Da sagte ihm sein Leibarzt: »Es gibt für dich keine andere Rettung, als dass man dir Milch einer Löwin bringt und du sie trinkst. Dann wirst du genesen.« Da schickte der persische König seinen Leibarzt mit vielen Geschenken zum weisen König Salomon, damit er ihm rate, wie er Löwenmilch erlangen könne. Salomon gab ihm zehn Ziegen und schickte ihn zu einer Löwenhöhle. Dort war eine Löwin, die ihre Jungen säugte. Auf König Salomons Anweisung hin stand der Arzt am ersten Tag weit entfernt und warf ihr eine Ziege hin, die sie fraß. Am zweiten Tag näherte er sich ein wenig und warf ihr eine andere hin. So tat er es täglich. Am Schlusse der zehn Tage näherte er sich ihr so, dass er bereits mit ihr spielen und sie abtasten konnte. Er berührte dabei ihre Brüste und entnahm ihnen Milch. Mit dieser ersehnten Medizin machte er sich auf den Weg zu seinem todkranken König.

Auf halbem Weg sah der Arzt in seinem Traume, wie seine Glieder miteinander stritten. Die Füße sprachen: »Unter allen Gliedern gibt es keine wie wir. Denn wenn wir nicht gegangen wären, hätte der Körper die Milch nicht bringen können.« Da antworteten die Hände und sprachen: »Niemand kann sich mit uns vergleichen. Wenn wir die Löwin nicht berührt hätten, hätte der Körper die Milch nicht bringen können.« Die Augen sagten: »Wir sind über alles erhaben. Wenn wir ihm den Weg nicht gezeigt hätten, wäre nichts geschehen.« Da antwortete das Herz und sprach: »Ich stehe über euch allen, denn wenn ich den Rat nicht gegeben hätte, wäre nichts aus der ganzen Sache geworden.«

Aber die Zunge erwiderte: »Ich bin die beste unter euch allen, denn wenn nicht die Rede wäre, was hättet ihr gemacht?« Da erregten sich alle Glieder und erwiderten der Zunge: »Wie wagst du es, dich mit uns zu vergleichen? Du sitzt an einem finsteren und dunklen Ort, und du hast nicht einmal einen Knochen wie die übrigen Glieder?!« Hierauf sagte ihnen die Zunge: »Heute noch werdet ihr zugeben, dass ich über euch herrsche.« Als der Leibarzt von seinem Schlafe erwachte, bewahrte er den Traum in seinem Herzen und ging seines Weges. Er gelangte zum König und sagte ihm: »Hier ist die Milch der Hündin, die wir für dich gesucht haben. Nimm und trink!« Sofort erzürnte der König und befahl, ihn zu hängen. Als man ihn zum Galgen führte, begannen alle Glieder zu zittern. Da sagte ihnen die Zunge: »Habe ich euch denn nicht gesagt, dass ihr nichts wert seid? Wenn ich euch jetzt retten werde, werdet ihr mir eingestehen, dass ich über euch herrsche?« Und sie antworteten: »Ja.«

Sogleich sagte die Zunge zu den Henkern: »Bringet mich zum König zurück.« Die Henker befolgten diese Bitte, und sie kamen zum König. Da sprach die Zunge: »Warum befahlst du, mich zu hängen?« Der König erwiderte: »Weil du mir Milch einer Hündin gebracht hast.« Da sagte die Zunge: »Was liegt dir daran? Die Hauptsache ist, dass sie dich heilen wird, das ist deine einzige Medizin! Und noch etwas: Die Löwin nennt man auch Hündin.« Da nahm der König die Milch, trank sie und wurde geheilt. Als er sich davon überzeugt hatte, dass es wirklich Löwenmilch war, belohnte er den Arzt reichlich. Hierauf sagten alle Glieder zu der Zunge: »Jetzt gestehen wir ein, dass du über alle Glieder herrschst. Jetzt haben wir gelernt, dass Tod und Leben auf der Zunge ruhen.«