Der Mann ohne Leib

Märchen aus dem Harz

Es war einmal ein Glockengießer, der arbeitete an einer großen Glocke und hatte einen Lehrling von fünfzehn Jahren. Er sagte dem Lehrling, er möchte Acht geben und ihn wecken, wenn das Metall lauter wäre. Der Lehrling aber gießt die Glocke selbst und weckt den Meister erst, als sie gegossen ist. Der erstaunte, als der Jüngling die Glocke schon gegossen vorzeigte und sagte, er solle sterben, wenn die Glocke einen Fehler habe. Glücklicherweise war die Glocke wohl geraten, als sie herausgebracht wurde, und nun beratschlagte sich der Glockengießer mit seiner Frau, weil er in dem Jungen einen künftigen Nebenbuhler erblickte - und er stach ihm die Augen aus.

Einige Jahre hatte der Knabe so verlebt, blind und elend, da beschloss er, den Meister, der ihn in seiner Blindheit hatte ernähren müssen und der ihn oft schlecht behandelte, zu verlassen, ging fort und geriet unter einen Galgen, wo kürzlich mehrere Räuber erhängt waren. Unter dem Galgen hatte sich alles Federvieh versammelt, es fehlte nur noch ein Vogel, das war der Rabe. Als der Rabe endlich kam, schalt der Adler, der der Meister der Vögel war, ihn wegen seines langen Ausbleibens; der Rabe aber sagte: Er hätte unterdessen erfahren, dass morgen Tau fiele, wenn jemand sich damit wüsche, so könne er sehen - und wenn er noch niemals Augen gehabt hätte.

Das hörte der Blinde unter dem Galgen, verharrte bis an den nächsten Morgen, wischte sich dreimal mit dem Tau die Augen und konnte nun wieder sehen.

Jetzt setzte er seine Reise fort und kam in ein dickes Holz, da hörte er ein Winseln. Das kam von einem Pferd, auf dem ein Löwe, ein Windhund, ein Rabe und eine Ameise saßen und von dem sie den Reiter schon verzehrt hatten. Sie riefen den Lehrling herbei, und der Löwe gebot ihm, das Pferd unter sie zu teilen, denn sie waren darüber in Streitigkeit geraten.

Da sprach der Lehrling zu den Tieren: »Dir, Löwe, gebe ich die Haut des Pferdes, der Windhund mag mit seinen scharfen Zähnen die Knochen verspeisen, der Rabe soll das Aas des Pferdes haben, und die Ameise mag in seinem Kopf ihr Winterquartier aufschlagen.«

Mit dieser Teilung waren die Tiere zufrieden, und als der Lehrling eine Strecke weitergegangen war, kam der Windhund hinter ihm hergesprungen und sprach: »Du sollst noch einmal zu meinem Herrn, dem Löwen, kommen.« Nun denkt der Lehrling nicht anders, als dass er jetzt sterben soll. Aber der Löwe sagt: Sie hätten vergessen nach der Schuldigkeit zu fragen wegen des Teilens. Der Lehrling antwortete zwar: »Das ist gern geschehen«; aber der Löwe spricht:

»Wenn du nicht fordern willst, so gebe ich selbst sowie der Windhund und der Rabe dir etwas von seinem Haupt. Wenn du das reibst, so bist du das Tier, von dessen Haupt du das empfangen hast, und auch die Ameise gibt dir die Macht, ihre Gestalt anzunehmen, so oft du es wünschst.« Das gefiel dem Lehrling, und er rieb sogleich die Haare des Windhundes und sprang als Windhund davon. Nun, denkt er, soll mir niemand mehr die Augen ausstechen, denn ich würde ihm gleich als Windhund entschlüpfen. Er läuft eine ganze Strecke weit, da kommt er an eine Stadt, verwandelt sich wieder in einen Menschen und geht hinein. Es war aber die Stadt voller Trauer, und der Lehrling brachte bald in Erfahrung, dass an diesem Tag die Prinzessin in einer Wolkensäule abgeholt werden sollte. Als er auf den Markt kam, saß auch die Prinzessin schon dort auf einem Sessel und wartete, dass die Wolkensäule käme und sie abhole. In dem Augenblick flog die Wolkensäule nieder auf den Markt, hüllte die Prinzessin ein - und der Lehrling flog der Wolkensäule als Rabe nach. Die aber ließ sich endlich vor einem großen Schloss nieder, aus dem trat eine große Gestalt heraus, ließ die Prinzessin ein und schloss die Burg wieder zu. Die große Gestalt, die ein verwünschter Prinz gewesen war, sagte der Prinzessin, wenn sie etwas begehre, so möge sie rufen: »Mann ohne Leib!«

Draußen vor dem Tor verwandelte sich nun der Lehrling aus dem Raben in die Ameise und kroch so durch Tür und Tor ins Zimmer der Prinzessin. Als er im Zimmer war, nahm er seine menschliche Gestalt an. Da rief die Prinzessin erschreckt: »Mann ohne Leib!« Sogleich erschien der Mann ohne Leib, und der Lehrling kroch als Ameise unter den Stuhl der Prinzessin.

Der Mann ohne Leib erscheint, sieht aber niemand und versichert der Prinzessin, dass hier niemals ein Mensch herkomme. Nachdem er das Zimmer verlassen hat, erscheint die Ameise von neuem in menschlicher Gestalt und winkt der Prinzessin Stillschweigen zu.

Das Mädchen flieht in einen Winkel des Zimmers, hört aber den Lehrling jetzt an.

Der sagt, er wolle sie erlösen, und verwandelt sich vor ihren Augen in einen Löwen, in einen Windhund, einen Raben und eine Ameise, damit sie Vertrauen zu seinen Künsten fasst und in Zukunft nicht mehr vor ihm erschrickt.

Die Prinzessin beriet von jetzt an häufig mit dem Lehrling, der sich stets in eine Ameise verwandelte, so oft er den Mann ohne Leib kommen sah, wie sie erlöst werden könne, und der Lehrling gab ihr den Rat, den Mann ohne Leib einmal über seine ganze Verwünschung auszufragen.

Nun hatte die Prinzessin einen Tag um den andern den Mann ohne Leib lausen müssen, und dabei fragte sie ihn aus, wie es mit seiner Verwünschung stände und wie sie selbst erlöst werden könnte.

»Du bist sehr kühn«, antwortete der Mann ohne Leib auf ihre Frage, »doch will ich dir der Wahrheit gemäß antworten. Unten im Tal, das du aus dem Fenster des Schlosses erblickst, steht eine Riesenhütte. Der Riese, der darin ist, muss getötet werden; aus seinem Leib springt dann ein Hase hervor, und der Hase muss auch getötet werden; aus ihm flattert eine Taube hervor, die Taube muss auch getötet werden. Die Taube hat ein Ei in sich, das Ei muss ohne mein Wissen auf meinem Kopf zerschlagen werden. Dann sind wir beide, du und ich, erlöst.«

Der Lehrling hat alles als Ameise mit angehört, und als der Mann ohne Leib das Zimmer verlassen hat, will er sogleich als Rabe aus dem Schloss fliegen und mit dem Riesen kämpfen. Die Prinzessin weint bitterlich und will ihn anfangs nicht ziehen lassen, doch er lässt sich nicht halten und fliegt als Rabe davon.

Sobald er vor dem Schloss ankommt, verwandelt er sich in einen Menschen und steigt ins Tal hinab. Unterwegs begegnet ihm eine alte Frau, die fragt, wohin er denn wolle. »Ich will den Riesen töten«, antwortete er. Da sprach sie: »So will ich dir ein Schwert geben, und wenn der Riese einen Waffenstillstand verlangt, so soll ein Brot aus der Luft geflogen kommen, das musst du auffangen und essen.«

Jetzt ging der Jüngling zur Riesenhöhle und forderte den Riesen zum Kampf heraus; der aber verspottete ihn und wollte anfangs gar nicht mit ihm kämpfen. Als sie dann aber doch einander gegenüberstanden, schlug der Riese beim ersten Hieb mit seinem eisernen Stab fehl, und der Lehrling hieb ihm unterdessen mit seinem Schwert in den Arm. Deshalb musste er sich den Arm verbinden und um Waffenstillstand bitten, und sowie er das Wort aussprach, gedachte der Lehrling an das Brot, rief die Hundehaare und wurde ein Windhund. Das Brot kam auch richtig schon durch die Luft geflogen, und schnapp! hatte es der Windhund im Maul und verzehrte es. Es stärkte ihn so, dass er als Mensch sogleich von neuem den Riesen zum Kampf herausforderte. Der hatte unterdessen den Arm verbunden und sprang grimmig auf den jungen Menschen los. Allein der rieb die Löwenhaare, sprang dem Riesen brüllend entgegen und tötete ihn mit der ungeheuren Kraft, die das Brot ihm verliehen hatte.

Als der Riese tot war, verwandelte er sich wieder in einen Menschen, schnitt ihm den Bauch auf, und husch! sprang der Hase heraus und lief den Berg herunter. Der Lehrling setzte als Windhund hinter dem Hasen her, packte ihn im Genick und schnitt ihm dann neben der Riesenhöhle mit seinem Schwert den Balg auf. Sowie der geöffnet war, flog auch schon die Taube davon. Der Lehrling aber verwandelte sich in einen Raben, holte sie ein, packte sie und flog mit ihr zum Fenster der Prinzessin hinein. Dort tötete er die Taube, nahm das Ei heraus und gab es der Prinzessin.

Am andern Tag musste die Prinzessin den Mann ohne Leib wieder lausen. Da schlug sie ihm plötzlich, ohne dass er's ahnte, das Ei auf dem Kopfe entzwei, und da war der Mann ohne Leib erlöst, und es wurden Pauken und Trompeten gehört.

Jetzt aber sprach der Mann ohne Leib: »Die Prinzessin ist mein!« Aber die wollte den Glockengießer heiraten, der ihr Erlöser war.

Sie einigten sich nun alle drei dahin, dass der Vater der Prinzessin entscheiden solle, wem seine Tochter gehöre, und reisten miteinander in die Heimat der Prinzessin, wohin der Lehrling schon früher als Rabe einen Brief von ihr gebracht hatte mit der Nachricht, dass sie noch am Leben sei. Sie fuhren zusammen über ein Wasser, und der Glockengießer neigte sich über den Kahn, da warf der Mann ohne Leib ihn plötzlich hinein, und er ertrank. Darüber war der Mann ohne Leib hoch erfreut, die Prinzessin aber weinte über den Tod des Glockengießers.

Als die beiden nun miteinander zum Schloss des Königs kamen, bestimmte der, dass zum Andenken an den Glockengießer alle Tage in das Wasser geschossen werden solle, in dem er ertrunken war. Wie nun die Soldaten des Königs, um den Glockengießer zu ehren, zum dritten Mal in das Wasser geschossen hatten, kam ein weißes Männchen aus dem Wasser herauf und sprach: »Werft nur den Mann ohne Leib in das Wasser hinein, dass er ertrinkt, so wird der Glockengießer wieder lebendig aus dem Wasser hervorkommen.«

Da wurde der Mann ohne Leib in das Wasser geworfen, und gleich darauf tauchte der Glockengießer ganz munter daraus hervor. Jetzt stellte der König eine große Hochzeit an, und der Glockengießer heiratete die Prinzessin, und sie leben -wenn sie nicht gestorben sein sollten - heute noch glücklich vereint.