König Drache und die schlafende Prinzessin
usbekisches VolksmMärchen
Es war einmal ein König. Der hatte drei Töchter, eine schöner als die andere. Aber die aller schönste von ihnen war doch die jüngste: sie war schön wie die Sonne selbst. Der König war auf sie sehr stolz, Obwohl er alle seine Töchter liebte, nahm doch die Jüngste und Schönste sonderbarerweise in seinem Herzen den letzten Platz ein, Vielleicht verhielt es sich deshalb so, weil die jüngste Tochter zugleich auch die bescheidenste war. Sooft der König eine Reise unternahm, brachte er den beiden älteren Töchtern kostbare Geschenke mit. Überhaupt erfüllte er ihnen jeden Wunsch. Da die jüngste Tochter jedoch nie um etwas bat, brachte ihr der König auch nie etwas mit Schließlich tat das der jüngsten Prinzessin dann doch leid. Eines Tages, als sich der König wieder einmal auf Reisen begeben wollte, fasste sich die jüngste Prinzessin ein Herz, trat vor ihn hin und sagte:
"Lieber Vater und König, ich sehe, dass du verreisen willst. Ich möchte dich bitten, mir irgendein Geschenk mitzubringen, wenn du zurückkehrst". "Mit Freuden, meine Tochter", erwiderte der König. "Sag mir nur, was du haben möchtest".
"Mein Vater und König, bring mir das mit, was du für gut erachtest", sagte die jüngste Prinzessin, "vielleicht eine schöne Blume". "Du sollst sie haben", sagte der König und reiste ab. Die Reise dauerte nicht lange. Ein paar Tage später machte sich der König wieder auf den Heimweg. Für die beiden älteren Töchter kaufte er eine Menge kostbarer Geschenke ein. Die jüngste Prinzessin jedoch vergaß er. Erst als er schon auf dem Heimweg war und an einem wunderschönen Garten voller Blumen vorüberritt, erinnerte er sich ihres Wunsches. Er hielt sein Pferd an, betrat den Garten und pflückte für seine Tochter eine wunderschöne Blume.
Plötzlich rauschte es über ihm in den Lüften. Es klang, als flöge ein großer Vogel herbei. Und eine Stimme erscholl:
"König, du hast meine schönste Blume gepflückt!"
Der König erschrak. Er wusste nicht« wie ihm geschah:
"Wer bist du, dass ich dich höre, ohne dich zu sehen?"
"Ich bin, der ich bin. Du wirst mich sehen, sobald es mir beliebt", sagte die Stimme. "Da du meine allerschönste Blume gepflückt hast, musst du dafür zahlen. Du hast drei Töchter. Entweder gibst du mir eine deiner drei Töchter zur Frau oder du und deine Töchter sind des Todes".
Was vermochte der gute König dagegen zu tun? Er versprach dem geheimnisvollen Wesen eine seiner Töchter. Dann erst durfte er seine Heimreise fortsetzen.
Zu Hause warteten seine Töchter schon ungeduldig auf den Vater. Kaum war er angelangt, erkundigten sie sich nach ihren Geschenken. Der König gab den beiden älteren Töchtern Kleider und Schmuck. Der jüngsten überreichte er die schöne Blume. Aber dann sagte er betrübt: "Hört, was geschehen ist. Die Geschenke haben mich fast das Leben gekostet. Als ich die Blume in einem Garten bei einem Schloss pflückte, ertönte eine Stimme. Und diese Stimme forderte, dass ich ihr eine von euch zur Frau gebe. Sonst wäre es um uns alle geschehen gewesen. Wählt jetzt, weiche von euch will den geheimnisvollen Schlossherrn zum Manne nehmen?" "Ich nicht, lieber Vater und König", sagte die älteste. "Um keinen Preis der Welt!"
"Ich auch nicht, lieber Vater und König", sagte die mittlere. "Und wenn es uns alle das Leben kosten sollte".
"So will ich ihn zum Manne nehmen", sagte die jüngste. "Ich möchte nicht, dass euch meinetwegen ein Leid geschieht!" Der König war zufrieden. Am nächsten Tag setzte er seine jüngste Tochter auf das Pferd, schwang sich in den Sattel und brachte sie in den Garten, in dem er die schöne Blume gepflückt hatte. Inmitten des Gartens stand ein prunkvolles Schloss. Der König ritt vor das Tor, ließ die Tochter absteigen und nahm Abschied von ihr. "Leb wohl, meine Tochter. Lasse es dir gut gehen hier!" Dann trieb er sein Pferd an und galoppierte davon. Mit tränennassen Augen schritt die arme Prinzessin auf das Tor des Schlosses zu. Kaum hatte sie es berührt, tat sich das Tor von selbst auf. Als sie dann eingetreten war, schloss es sich wieder von selbst. Innen war das Schloss noch prunkvoller als außen. Überall in den Gemächern brannte Feuer in den Kaminen. Im Speisesaal war der Mittagstisch gedeckt. Im Schlafgemach war das Bett bereitet, aber nirgends war eine Menschenseele zu sehen.
Die Prinzessin aß und trank. Dann ging sie in den Garten, um Blumen zu pflücken. Darüber wurde es Abend. Als es dann dunkler und dunkler wurde, ertönte in den Lüften plötzlich ein Rauschen. Es schien, als flöge ein großer Vogel heran. Die Prinzessin erschrak. Schnell warf sie den Blumenstrauß fort. Doch da sprach eine leise Stimme:
"Pflücke getrost deine Blumen, meine Liebste, binde getrost deinen Strauß, wenn es dir Freude macht!"
Die Prinzessin wusste nicht, wie ihr geschah:
"Wer bist du, dass ich dich höre, ohne dich zu sehen?" "Ich bin dein Bräutigam", sagte die Stimme. "Wenn du dich nicht furchtest, so sag es mir. Dann wirst du mich sehen".
"Weshalb sollte ich mich vor meinem Bräutigam fürchten?" antwortete die Prinzessin.
Da blitzte es, ein Donnerschlag ertönte und vor der Prinzessin erschien ein geflügelter Drache, groß und stark wie eine Pappel:
"Hier bin ich, meine Liebste! Willst du mich noch immer zum Manne nehmen?"
"Das will ich, Drache!" sagte die Prinzessin. "Was ich versprochen habe, das halte ich auch! Ich heirate dich, wann immer du es wünschst. Gönne mir nur noch drei Tage, damit ich mein Hochzeitskleid nähen kann." "Es sei", sagte der Drache. "Aber du darfst den Deinen niemals sagen, wer ich wirklich bin! Nach drei Tagen musst du zurückkehren, wie du es versprochen hast. Kommst du nicht zurück, würde ich vor Kummer sterben. Und deine Lieben daheim stürben mit mir. Hier, nimm meinen Ring aus Gold. Wenn er weiß wird, bedeutet das, dass ich erkrankt bin. Färbt er sich rot, bedeutet das, dass ich im Sterben liege. Und jetzt bringe ich dich nach Hause“,
Der Drache nahm die Prinzessin auf seinen Rücken, breitete die Flügel aus. Hundertmal schneller als eine Schwalbe erhob er sich in die Lüfte, und im Nu waren sie vor dem Schloss des alten Königs. "Vergiss nicht, meine Liebste", sagte der Drache, "schweig fein still und kehre in drei Tagen zu mir zurück. Sonst geschieht ein großes Unglück. Und wenn du aber einmal etwas brauchen solltest, nimm eine Handvoll Blätter und zünde sie in einem Winkel im Garten an. Dann komme ich zu dir."
Der Drache erhob sich rauschend in die Lüfte. Die Prinzessin betrat das Schloss ihres Vaters. Die Überraschung war groß. Der König und seine beiden Töchter waren neugierig, wie es der jüngsten Prinzessin inzwischen ergangen war. Doch die Prinzessin schwieg fein still Zwar erzählte sie vom schönen Schloss des Drachen, von seinem herrlichen Garten, aber über ihren Bräutigam sagte sie kein Sterbenswörtchen, "Wenn die Zeit gekommen ist, werdet ihr ihn ja selbst sehen", antwortete sie immer wieder, während sie an ihrem Hochzeitskleid nähte. "Jetzt aber lasst mich in Ruh! Denn in drei Tagen muss die Arbeit fertig sein." Die Schwestern ahnten, dass hinter der Verschwiegenheit ihrer Schwester ein Geheimnis stecken musste. Um sie am Fortgehen zu hindern, zertrennten sie in der Nacht wieder, was sie tagsüber genäht hatte« Längst waren die drei Tage um, aber das Hochzeitskleid der Prinzessin war noch immer nicht fertig.
"Hab keine Angst", redeten ihr die Schwestern zu, „wenn du nicht zurückkehrst, wird dich der Bräutigam sicher holen kommen." Die Prinzessin ließ sich umstimmen und blieb.
Aber daran tat sie nicht gut. Als sie am vierten Tag den Ring des Drachen betrachtete, sah sie, dass er ganz weiß war. Da wusste sie, dass der Drache krank in seinem Schloss lag. Und plötzlich erkrankten auch die Eltern der Prinzessin. Rasch wollte das Prinzesslein ins Schloss des Bräutigams zurückeilen. Doch auch diesmal ließen sie die Schwestern nicht gehen.
"Erst morgen, wenn es Vater und Mutter etwas besser geht", redeten sie ihr zu. Und wieder ließ sich die Prinzessin umstimmen. Doch auch diesmal tat sie nicht gut daran, denn als sie am fünften Tag erwachte und den Ring des Drachen betrachtete, sah sie, dass er ganz rot war. Also wusste sie, dass der Drache in seinem Schloss mit dem Tode rang. Und zu Tode erkrankten plötzlich auch die Eltern der Prinzessin. Nun spürte die Prinzessin, dass es ganz, ganz schlimm stand. Schnell eilte sie in den Garten, nahm eine Handvoll Laub und zündete es an. Im selben Moment tauchte aus dem Rauch eine dunkle Gestalt auf. Vor der Prinzessin stand der Drache, ihr Bräutigam.
"Du hast dein Wort nicht gehalten, meine Liebste", sagte er mit schwacher Stimme. „Und ich liege im Sterben. Wenn du mich jetzt nicht heiratest sterbe ich, noch ehe die Sonne untergeht. Mit mir werden auch dein Vater und deine Mutter sterben."
"Vergib mir, mein Liebster", sagte die Prinzessin unter Tränen. „Meine Schwestern haben Schuld, dass ich geblieben bin. Leider habe ich ihnen gehorcht, Doch jetzt gehe ich mit dir, wohin du immer es wünschst. Nur eine Bitte habe ich: Mache Vater und Mutter wieder gesund."
"Hol dein Hochzeitskleid", sagte der Drache, "und alles wird wieder gut sein."
Die Prinzessin eilte nach Hause. Und wirklich, Vater und Mutter ging es wie durch ein Wunder besser. Auch das Hochzeitskleid war plötzlich fertig. Die Prinzessin zog es an, eilte in den Garten hinaus, setzte sich rasch auf den Rücken des Drachen. Und hundertmal schneller als eine Schwalbe erhob sich der Drache mit ihr in die Lüfte. Ehe sich's die Prinzessin versah, standen sie vor einer Kapelle, in der drei Kerzen brannten. Vom Drachen wurde die Prinzessin vor den Altar geführt, wo schon ein alter Eremit wartete. Der Eremit verband ihre Hände mit der Stola. Damit waren Drache und Prinzessin Mann und Frau. Da sagte der Bräutigam leise:
„Meine Liebste, blicke nach links und sage mir, was du dort siehst!" Die Prinzessin tat es und sprach:
„Ich sehe links eine Drachenhaut und Drachenflügel liegen." Da sagte der Bräutigam wieder:
„Meine Liebste, jetzt blicke nach rechts und sage mir, was du dort siehst!" Die Prinzessin tat es und sagte:
„Ich sehe rechts einen Prinzen stehen, schön wie der helle Tag“, Da erklärte der Bräutigam:
„Jener Prinz bin ich, dein Bräutigam. Ein König wie dein Vater. Da du mich zum Manne genommen hast, hast du mich auch von meiner Verwünschung erlöst. Aber trotzdem ist unsere Prüfung noch nicht zu Ende, denn die Macht meines Feindes, des bösen Zauberers, ist noch immer nicht restlos gebrochen. Pass deshalb gut auf, was ich dir jetzt sage: Nimm Drachenhaut und Drachenflügel und werden meine Diener mit der Kutsche dich dann ins Schloss bringen.
Wenn du dort angekommen bist, schließe dich in unser Gemach ein und verbrenne die Haut und die Flügel bis auf die letzte Schuppe. Wenn du tust was ich dir sage, ist alles in Ordnung, Genau um Mitternacht komme ich dann zu dir. Und nichts wird uns fortan mehr trennen können. Wenn du aber nicht gehorchst, wenn von der Haut und von den Flügeln nur ein einziges Schüppchen übrigbleibt dann steht es um uns beide schlimm."
„König, ich werde tun, was du gebietest!" sagte die Prinzessin. Sie nahm Drachenhaut und Drachenflügel und verließ die Kapelle. Draußen wartete schon eine goldene Kutsche mit sechs Schimmeln. Diener führten die Prinzessin in das Schloss ihres Herrn, in dem überall reges Treiben herrschte. Überall ertönte Rufen und Lachen. Alles vergnügte sich, denn die Menschen waren froh, dass ihr Herr sich so glücklich verheiratet hatte. Die Prinzessin schloss sich im Hochzeitsgemach ein. Schnell warf sie Drachenhaut und Drachenflügel ins Kaminfeuer. Nur eine Handvoll Asche blieb übrig. Doch ein einziges Schüppchen verbrannte nicht. Es entfaltete sich zu einer herrlichen Blume, die genau jener glich, die der Vater der Prinzessin einst von seiner Reise als Geschenk mitgebracht hatte. Die Prinzessin war entzückt. Sie fand so großen Gefallen an der Blume, dass sie gar nicht daran dachte, was der König ihr befohlen hatte. Sie stellte die Blume in eine goldene Vase. Dann ging sie zu Bett und schlief zufrieden ein.
Eine Viertelstunde vor Mittemacht öffnete sich plötzlich das Fenster. Auf einem großen schwarzen Raben flog der böse Zauberer in das Gemach. Als er die herrliche Blume in der Vase sah, rief er erfreut: „Die Drachenhaut ist nicht verbrannt, Die Braut hat nicht gehorcht. Sie ist in meiner Macht. Junger König! Nie wirst du dein Weib wiedersehen, nie, nie, nie!"
Dann nahm er die schlafende Prinzessin auf seine Anne, schwang sich auf den Rücken des schwarzen Raben und flog durch das Fenster in das Dunkel hinaus.
Schlag Mittemacht pochte der junge König an die Tür.
„Bum, bum, bum! Ich bin es, meine Liebste. Ich bin es, der junge König, dein Gemahl."
Aber keine Tür tat sich auf. Aus dem Gemach ertönte kein Laut. Verwundert pochte der junge König ein zweites Mai an die Tür: „Bum, bum, bum! Mach auf, meine Liebste. Mach auf, ehe es zu spät ist!" Doch auch diesmal tat sich die Tür nicht auf. Und aus dem Gemach ertönte kein Laut, Da erschrak der junge König und schlug ein drittes Mal gegen die Tür.
„Bum, bum, bum! Mach doch auf, mein Weib, Mach auf, solange es noch Zeit ist!"
Doch die Tür blieb verschlossen. Kein Laut ertönte aus dem Gemach. Länger konnte der junge König nicht warten, Mit der Schulter stieß er die Tür ein und betrat die Kammer, die leer war. Nur in der goldenen Vase steckte die duftende Blume. Da wusste der König, was geschehen war. Laut sprach er vor sich hin: „Das war bestimmt mein Feind, der böse Zauberer! Er hat meine Frau entführt. Doch ich werde sie finden. Auch dann, wenn ich die ganze Welt durchwandern müsste!"
Im Morgengrauen des nächsten Tages machte sich der junge König auf die Reise. Als er ein Jahr um die halbe Welt gelaufen war, gelangte er in einen tiefen Wald zur Hütte eines Einsiedlers.
„Was suchst du hier in dieser Einöde, junger König?" wunderte sich der alte Einsiedler, als der König vor ihn trat.
„Ich suche meine geliebte Frau", antwortete der König. „Mein Feind, der böse Zauberer, hat sie mir entfuhrt! Doch ich werde sie finden, auch wenn ich die ganze Welt durchwandern müsste. Weißt du nicht, wohin er sie gebracht hat, weiser Einsiedler?" Der Einsiedler schüttelte den Kopf:
„Ich weiß es nicht, junger König. Aber mein älterer Bruder wird sicherlich etwas wissen.
Und der gute alte Einsiedler legte eine Pfeife an seine Lippen und pfiff. Im seihen Moment stieß ein Adler, groß wie ein Stier, aus den Wolken hernieder. Der Einsiedler sagte: „Adler, du weißt, was ich will, so tue es denn!"
Da ergriff der große Adler den jungen König mit seinen Krallen und erhob sich mit ihm in die Wolken, Im Nu überflog er die riesigen Wälder, um am Fuße eines hohen Gebirges niederzugehen. Dort stand die Hütte eines alten Einsiedlers.
„Was suchst du hier, junger König?" wunderte sich der Einsiedler, als der König vor ihn trat.
„Ich suche meine geliebte Frau", entgegnete der junge König. „Der böse Zauberer hat sie mir entführt. Weißt du nicht, wo sie sein könnte, weiser Einsiedler?" Der Einsiedler schüttelte den Kopf.
„Ich weiß es nicht, junger König, aber unser ältester Bruder wird es ganz bestimmt wissen."
Und der gute alte Einsiedler legte eine Pfeife an seine Lippen und pfiff. Und wieder schoss aus den Wolken der Adler hernieder. „Adler, du weißt, was ich will, so tue es denn!"
Da packte der große Adler den jungen König mit seinen Krallen und erhob sich mit ihm in die Lüfte. Im Nu überflogen sie ein hohes Gebirge und gingen am Ufer eines weiten Meeres nieder. Auch dort stand die Hütte eines alten Einsiedlers.
„Was suchst du hier junger König?" wunderte sich der Einsiedler, als der König vor ihn trat.
„Ich suche meine geliebte Frau", entgegnete der junge König. „Der böse Zauberer hat sie mir entführt. Weißt du nicht, wohin er sie entfuhrt hat, weiser Einsiedler?"
„Ich weiß es, junger König", sagte der Einsiedler. „Deine Frau ist auf einem hohen Berg mitten auf einer Insel im weiten, weiten Meer. Dort schläft sie im Schatten einer großen Eiche. Sie wird solange schlafen, bis du sie erweckst. Doch zuvor musst du auf diese Insel gelangen. Das wird am schwersten sein. Denn dein Feind, der böse Zauberer, wacht Tag und Nacht. Er ist nämlich der König der Fische und regiert das Meer und die Lüfte. Hör, was ich dir sage: Solange ich unter den Menschen gelebt habe, war ich Fischer. Ich hatte ein gutes Boot und eine goldene Angel. Das Boot mit der Angel liegt auch heute noch am Ufer. Nimm es dir und du wirst sicher zur Insel des Königs der Fische gelangen. Und noch eines merke dir: Sobald du dich der Insel näherst wird der König der Fische Meer und Lüfte mit einem großen Sturm erfüllen. Du aber darfst dich nicht fürchten. Stecke ein Stück Menschenfleisch als Köder an die Angel Sobald du sie ins Meer wirfst, wird der König der Fische anbeißen und ve¬suchen, dich aus dem Boot zu ziehen. Halte dich deshalb gut fest und lasse niemals die Angel los, auch wenn er jeweils in sechs verschiedenen Gestalten aus dem Wasser taucht. Beim siebenten Male aber wird er die Gestalt eines Menschen annehmen. Dann ist dein Augenblick gekommen. Mutig zückst du dein Schwert und schlägst ihm den Kopf ab. Dann wirst du dir schon weiter zu helfen wissen."
Nachdem der Einsiedler so gesprochen hatte, legte er die Pfeife an seine Lippen und pfiff. Aus den Wolken schoss wieder der Adler hernieder. Der alte Einsiedler sagte: „Adler, du weißt, -was ich will so tue es denn!"
Und da packte der Adler den jungen König zum dritten Male mit seinen Krallen und erhob sich mit ihm in die Wolken. Im Nu waren sie über der Bucht, wo das Boot auf den Wellen schaukelte. Der Adler setzte den jungen König in das Boot und flog davon.
„Hab Dank, großer Adler", rief ihm der junge König nach. Dann begann er Angel und Köder zu suchen. Die goldene Angel fand er leicht. Sie lag auf dem Boden des Bootes. Doch woher sollte er den Köder aus Menschenfleisch nehmen? Da erblickte er plötzlich auf einer nahen Wiese einen Hirten mit seiner Herde.
Lange betrachtete ihn der junge König. Dann aber sagte er laut zu sich selbst:
„Nein, diesen Knaben kann ich nicht töten. Solch eine Schuld will ich nicht auf mich laden. "
Und er ließ den ahnungslosen Hirten laufen. Bald darauf kam ein Bettler des Weges. Auch ihn betrachtete der junge König lange. Doch wie zuvor sagte er dann zu sich selbst:
„Nein, auch diesen Greis darf ich nicht töten. So eine Schuld will ich nicht auf mich laden."
Und er stach ohne Köder in See.
Solange die Insel des Königs der Fische noch fern war, verlief die Fahrt ruhig und friedlich. Doch je näher er der Insel kam, umso mehr peitschten und rollten auf dem Meer haushohe Wellen. Und ein Sturm brach los, wie ihn der König noch nie erlebt hatte. Wie eine leere Nussschale schaukelte das Boot auf dem Wasser. Jetzt war es höchste Zeit, die Angel mit dem Menschenfleisch auszuwerfen. Ohne lange zu zögern, ergriff der junge König ein Messer, schnitt sich ein Stück Fleisch aus dem Schenkel und spießte es auf den goldenen Haken. Und kaum hatte er die Angel ausgeworfen, spürte der König einen kräftigen Ruck. Die Schnur spannte sich und fast wäre der König ins Wasser gerissen worden. Doch er ließ nicht locker. Mit aller Kraft hielt er die Angel fest, bis schließlich der König der Fische in Gestalt eines Drachens aus dem Wasser tauchte. Da rief der junge König:
"Vergeblich mühst du dich, König der Fische. Ich weiß, dass du es bist. Glaube nur nicht, dass ich dich jemals mehr freigebe!" Da schrie der König der Fische zornig auf. Dann tauchte er in den gurgelnden Wassern unter, um nach einer Weile in Gestalt von Seegras wieder an die Oberfläche zu kommen. Doch der junge König ließ sich nicht täuschen. Laut rief er: „Vergeblich mühst du dich, König der Meere, ich weiß, dass du es bist!“
Wieder schrie der König der Fische zornig auf. Dann tauchte er unter, um den König als schönes Seeweibchen zu narren. Doch der junge König ließ sich auch diesmal nicht täuschen.
„Vergeblich mühst du dich, König der Fische", rief er. „Ich weiß, dass du es bist!"
Abermals schrie der König der Fische gellend auf. Dann tauchte er unter, um nach kurzer Zeit in Gestalt von widerlichem Aas wieder an der Oberfläche zu erscheinen. Doch der junge König rief: „Vergeblich mühst du dich, König der Fische. Ich weiß, dass du es bist!"
Wieder tauchte der König der Fische unter, und nach einer Weile erschien er als Nebelstreif über dem Wasser. Doch der junge König erkannte auch in diesem Nebelstreif seinen alten Feind, den König der Fische. Hohnlachend rief er; „Vergeblich mühst du dich, König der Fische!" Kreischend vor Zorn tauchte der König der Fische wieder unter. In Gestalt der geliebten Frau des jungen Königs kam er bald an die Oberfläche. Doch selbst jetzt ließ sich der liebe König nicht narren. Lauthals rief er: „Vergeblich mühst du dich, König der Fische!"
Noch einmal schrie da der König der Fische sprühend vor Zorn auf. Und zum letzten Mal tauchte er unter. Als er wieder an die Oberfläche kam, hatte er die Gestalt eines Mannes angenommen. Jetzt war der Augenblick für den jungen König gekommen. Während er mit der linken Hand den König der Fische an den Haaren packte, blitzte in seiner rechten das Schwert. Mit einem einzigen Streich schlug er dem Ungeheuer den Kopf ab. Kaum war das vollbracht, legte sich der Sturm. Ruhig und sicher konnte der König bei der Insel anlegen. Als er den Berg erklommen hatte, sah er im Schatten der hohen Eiche seine geliebte Frau, die friedlich schlummerte. Da beugte sich der König über sie und küsste ihren Mund. Seufzend schlug die Prinzessin die Augen auf. Dann sprach sie leise: „Ach, wie hab ich lange geschlafen!"
„Du würdest bis zum Jüngsten Tag geschlafen haben, hätte ich dich jetzt nicht geweckt", sagte der junge König und zeigte ihr den Kopf des bösen Zauberers, des Königs der Fische. „Doch jetzt ist die Zeit der Prüfungen vorüber. Komm! Rasch wollen wir heimkehren. Bestimmt erwartet man uns schon!"
Der König sollte recht behalten, denn als das Boot mit dem jungen König und seiner geliebten Frau nach sieben Tagen und sieben Nächten an der heimatlichen Küste anlegte, wartete dort schon die goldene Kutsche mit den sechs Schimmeln auf sie. In Windeseile brachte sie das glückliche Brautpaar zum königlichen Schloss. Dort wurde eine rauschende Hochzeit gefeiert. Der junge König lebte mit seiner schönen Prinzessin noch viele Jahre glücklich und zufrieden.