Ein Turm aus Menschenköpfen

Märchen aus Bulgarien

Einmal zog aus einer Stadt ein Baumeister, um sein Glück zu suchen, und aus dieser Stadt folgten ihm ein Schneider und ein Schreiber. Da erreichte ihn der Schneider, und der sprach: »Grüß Gott, Bruder, wohin des Weges? « »Mein Glück zu probieren«, erwiderte der Baumeister, »doch mir scheint, dass auch du das deine suchst, lasse uns Brüder sein und zusammengehen. « Dem Schneider war das recht, und sie versprachen, wie Brüder zu sein. Als sie weitergegangen waren, kam auch der Schreiber, und sie verbrüderten sich alle drei. Sie gaben sich ihr Wort, zusammenzugehen, sollte sich aber der Weg teilen, so solle der Schreiber den geraden Weg weiter gehen und sie die anderen Wege, die sich am Kreuzweg zeigen würden. Als nun die drei Wanderer eine Zeitlang gegangen waren, wurde es dunkel, und sie ließen sich an einem Ort nieder und beschlossen, nacheinander Wache zuhalten, damit kein wildes Tier komme und sie fresse. Zuerst wachte der Baumeister, und, um nicht einzuschlafen, begann er, an einem Stück Holz zu schnitzen und machte eine Puppe. Da weckte er den Schneider, dass er sie bewache und legte sich schlafen. Als der die Puppe sah, sagte er sich: »Ach, das hat der Bruder gemacht, damit ihn der Schlaf nicht überkomme, ich aber will ihr Kleider nähen. « Da begann er, einen Überhang zu nähen, hängte ihn der Puppe um, weckte dann den Schreiber und legte sich schlafen. Als der Schreiber die Holzpuppe, die der Baumeister geschnitzt und der Schneider angezogen hatte, sah, sagte er sich: »Damit die ganze Mühe meiner Brüder auch nicht umsonst ist, will ich der Puppe eine Seele erbetteln.« Und wie durch ein Wunder erhörte Gott seine Bitte, und die Puppe fing an zu sprechen. Daraufhin steckte er sie in seine Brusttasche, weckte seine Gefährten, und sie gingen weiter.
Sie gingen und gingen und kamen an einen Kreuzweg, an dem sich ihre Wege trennten. Der Baumeister und der Schneider nahmen die Wege zu beiden Seiten. Der Schreiber nahm den geraden Weg und kam zu einer Stadt, in der er, als er sie durchquerte, einen Turm aus Menschenköpfen sah. Er blickte sich nach allen Seiten um, jemanden zu treffen und ihn danach zu fragen, und jeden, den er traf, fragte er, aber es fand sich keiner, der ihm sagen wollte, warum der Turm aus Menschenopfern und nicht aus Steinen gemacht war. Schließlich begegnete er einem Kind und fragt es, warum dieser Turm aus Menschenköpfen sei. Das Kind erwiderte nichts auf diese Frage, sondern sagte ihm, auf welcher Straße er sich befinde. Der Schreiber drohte, schlug es, aber es verriet ihm nichts. Zuletzt gab er dem Kind eine Handvoll Taler, und da sagte es: »Ich will es dir sagen, wenn du niemandem sagst, dass ich es gesagt habe. Wieviel Köpfe der Turm hat, soviel junge Helden wie du sind vom Zaren wegen seiner Tochter getötet worden. «
»Lassen sie auch jedermann hinzu? « fragte er weiter. »Schon«, antwortete das Kind, »wenn du die Zarentochter zum Sprechen bringen kannst - sonst geht auch dein Kopf zum Turm. «
Der Schreiber versuchte sein Glück. Er ging zum Zaren, um die Zarentochter zu bekommen. Der Zar aber sagte: »Ich will dir meine Tochter geben, doch musst du sie in drei Tagen dahin bringen, dass sie mit dir spricht, kannst du es aber nicht, kommst du unters Schwert. «
Da ließ der Zar den Schreiber und seine Tochter in eine Kammer schließen und einige Lauscher und Aufpasser aufstellen. Sobald sie sie den ersten Abend einschlössen, begann der Schreiber die Zarentochter über dies und jenes auszufragen, doch sie wollte durchaus nicht mit ihm sprechen. Dann, noch vor Morgengrauen, stellte der Schreiber seine Puppe auf eine Schippe hinter einem Besen und begann mit der Puppe zu sprechen: »Ach, Besen, nun habe ich die ganze Nacht hindurch mit mir allein gesprochen, mir Fransen an den Mund geredet, lass uns ein wenig zusammen plaudern. « Die Puppe hinter dem Besen antwortete: »Dann erzähle, was du erzählen willst. « Da begann der Schreiber, eine Geschichte zu erzählen, wie drei Wanderer unterwegs eine Puppe machten, und wie der eine von ihnen sie aus Holz schnitzte, der andere ihr einen Umhang nähte, und der dritte ihr von Gott die Seele erbettelte; und wer nun wohl von den dreien der Puppe die größte Wohltat erwiesen hätte. Da begann der Besen den zu loben, der die Puppe schnitzte, der Schreiber den, der den Umhang nähte und den, der von Gott die Seele erbettelte, priesen sie nicht. Die Zarentochter erkannte diese Ungerechtigkeit, schwieg aber und sprach kein Wort. Die Lauscher und Aufpasser lauschten dem Gespräch und waren vor Ärger darüber beinahe geplatzt, weil die größte Tat hier mit Füßen getreten wurde. Es war bei dem Streit zwischen dem Besen und dem Mann hell geworden. Der Zar gab ihm eine Kutsche und Geld, damit er durch die Stadt streife.
Sowie der Schreiber die Kammer verlassen hatte, begann die Zarentochter wie der Schreiber, mit der Schippe zu sprechen, doch die antwortete ihr nichts. Darüber geriet sie in Zorn und zerschlug die Schippe in tausend Stücke. Der Schreiber spazierte am Tag durch die Stadt, und als es dunkel wurde, ging er wieder zu der Zarentochter, und wie er sah, dass die Schippe weg war, stellte er die Puppe in einen Schrank und begann von neuem, mit der Zarentochter zu sprechen; als die aber schwieg, fing der Schreiber an, wie zuvor mit der Puppe zu sprechen. Nachdem sie sich wieder einige Zeit gezankt hatten, war es Tag geworden und der Schreiber ging, um wieder durch die Stadt zu schlendern, nach einer List zu sinnen, um die Zarentochter zum Reden zu bringen. Sobald er wieder die Kammer verlassen hatte, begann auch schon die Zarentochter, ihre Fragen an den Schrank zu richten, doch der antwortete ihr nichts. Da wurde sie zornig und zerschlug auch ihn.
Als am Abend der Schreiber kam und den Schrank zertrümmert sah, stellte er die Puppe auf den Tisch, bemühte sich vergeblich, mit der Zarentochter zu sprechen und unterhielt sich dann mit der Puppe, wie in den Nächten zuvor. Als es hell zu werden begann und die Zarentochter wieder die ungerechte Entscheidung hörte, wurde sie sehr traurig, und damit die Tat dessen, der der Puppe von Gott die Seele erbettelt hatte, nicht mit Füßen getreten wurde, lief sie zu ihrem Vater und sagte, dass sie das nicht länger ertragen könne, und dass sie jenem recht gäbe, denn »Meister aller Meister ist der, der der Puppe die größte Tat erwies - ihr die Seele erbettelte!« Der Zar erlaubte ihr zu sagen, wer im Recht sei, und sie ging in die Kammer, um den Streit zwischen dem Mann und dem Tisch (der Puppe) zu schlichten. Sie sagte: »Wenn ich auch das Gebot habe zu schweigen - verstecke ich die Wahrheit, wozu sollte ich dann auf der Welt leben? « Sobald die Zarentochter das gesagt hatte, verriet ihr der Mann, dass er der Schreiber sei, der der Puppe von Gott die Seele erbettelt hatte. Mit großer Freude verheiratete man sie, und sie machten eine große Hochzeit.
Und so verhalf das Glück dem Schreiber, des Zaren Schwiegersohn zu werden und nach dessen Tod auf den Zarenthron zu steigen.